Demographie: Problem oder Lösung?

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Foto: Friedlies Reschke

Rentenpolitik, schrumpfende Regionen, Fachkräftemangel, Einwanderung: für alles muss die Demographie herhalten. Ein großer Irrtum, so Dr. Hannes Weber in der F.A.Z. vom 10. Oktober 2016.
Eine Zusammenfassung in Auszügen.

In der Tat hat Deutschland seit mehr als 40 Jahren eine Geburtenrate unter bestandserhaltendem Niveau und durchgehend mehr Sterbefälle als Geburten zu verzeichnen. Diese demographische Abwärtsspirale verleitet dazu, alle möglichen politischen Forderungen mit der Demographie zu begründen. „Falsch“, sagt der Autor, „die Bevölkerungsentwicklung hat aus ökonomischer und ökologischer Sicht durchaus einige positive Folgen, die oft nicht beachtet werden.“

Die erste Annahme: „In der Zukunft werden wir wegen des demographischen Wandels zu wenig Arbeitskräfte haben.“ In den kommenden Jahrzehnten wird der Altenquotient, also das Verhältnis der über 65-Jährigen zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, aller Wahrscheinlichkeit nach stark steigen. Ob das relativ kleiner gewordene Reservoir an Erwerbspersonen allerdings „zu wenig“ Arbeitskräfte liefern kann, ist überhaupt noch nicht abzusehen. Produktivitätssteigerungen, Digitalisierung und Automatisierung machen Vorhersagen darüber, dass aufgrund des demographischen Wandels Millionen Arbeitskräfte „fehlen“ werden, zur reinen Spekulation.

Das zweite Missverständnis: „Aufgrund der niedrigen Geburtenrate gibt es immer mehr Rentner in Deutschland.“ Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland liegt momentan auf Rekordniveau. Ein wesentlicher Grund hierfür ist der häufig übersehene Effekt, dass der Geburtenrückgang für eine gewisse Zeit zu einem steigenden Anteil der Erwerbsfähigen führt, weil die Kindergeneration kleiner wird, aber die ins Erwerbsleben nachrückenden jungen Menschen noch zahlreicher sind als die Älteren, die aus dem Berufsleben ausscheiden – die sogenannte „demographische Dividende“. In welchem Maße dieses Plus später durch einen Anstieg bei den Rentnerzahlen wieder zurückgeht und ob es sich sogar ins Negative verkehrt, hängt wesentlich von der Lebenserwartung ab und nicht so sehr von einer niedrigen Geburtenrate. Eine höhere Geburtenrate würde aufgrund der medizinischen Fortschritte in Zukunft auch eine höhere Zahl von Rentnern bedeuten, was wiederum hieße, dass die Zahl der Kinder also nicht nur nicht zurückgehen dürfte, sondern sie müsste immer größer werden, damit die in den nächsten Generationen noch zahlreicheren Rentner wiederum ausgeglichen würden. Die Folge wäre eine dauerhaft wachsende Bevölkerungszahl, wie es im heutigen Mitteleuropa wohl weder realistisch noch wünschenswert erscheint. Die „demographische Dividende“ wäre dann ausgefallen.

Die dritte Annahme: „Wegen des demographischen Wandels verödet der ländliche Raum.“ Dass in strukturschwachen, ländlichen Gebieten in den vergangenen Jahren die Bevölkerung zurückging und das Durchschnittsalter stieg, ist unbestritten. Aber Deutschland hat insgesamt trotz der niedrigen Geburtenrate in den vergangenen Jahrzehnten nicht an Einwohnern verloren, sondern sogar dazugewonnen. Folglich kann das Schrumpfen eines bestimmten Ortes nicht auf den demographischen Wandel
zurückgeführt werden. Die Demographie ist (…) sehr wohl ein gewichtiger Faktor für die unterschiedliche Entwicklung von Städten und Gemeinden, aber regionale Bevölkerungentwicklungen haben sich von Geburten- und Sterberaten abgekoppelt, die überall mehr oder weniger gleich sind. Sie werden fast vollständig von der Einwanderung von außerhalb und der Mobilität innerhalb der Landesgrenzen bestimmt.

Das vierte Mantra: „Durch Einwanderung kann der demographische Wandel bewältigt werden.“ Das scheinbar einfachste Mittel gegen Überalterung und Geburtenrückgang ist Zuzug von außen: Einwanderer sind häufig im jungen, erwerbsfähigen Alter und verbessern dadurch das Verhältnis von Erwerbsfähigen zu Rentnern. Aber auch ohne Berücksichtigung von Sprach- oder Qualifikationshürden, die zu geringerer tatsächlicher Erwerbsbeteiligung führen können und hohe Integrationskosten nach sich ziehen, wird bei einer solchen Betrachtung oft ausgeblendet, dass der reine demographische Effekt der Einwanderung auf den Anteil erwerbsfähiger Personen an der Gesamtgesellschaft eher gering ist. Das liegt unter anderem daran, dass auch Personen in nichterwerbsfähigem Alter einwandern. Aus zusätzlichen Erwerbsfähigen werden außerdem später auch zusätzliche Rentner, wodurch in Zukunft noch mehr Einwanderer benötigt würden, um diesen Anstieg auszugleichen. Langfristig steigt also in einem solchen Gesellschaftsmodell der Bedarf an Einwanderung immer weiter, was die Gesellschaft sicherlich nachhaltig verändern jedoch Anstieg des Altenquotienten nur geringfügig abmildern würde.

Was getan werden muss? Um Lösungen zu finden, muss zunächst Einigkeit darüber bestehen, welche Aspekte der demographischen Entwicklung überhaupt als negativ
angesehen und tunlichst vermieden werden sollen. Die unstrittige Herausforderung des „demographischen Wandels“ betrifft das Verhältnis zwischen Rentnern und Erwerbstätigen. Es wird sich in den kommenden Jahren abrupt verändern, sollten die derzeitigen Rahmenbedingungen konstant bleiben. Über mehr Geburten oder Einwanderer den zukünftigen Rentneranteil zu steuern ist nur eingeschränkt erfolgversprechend. Stattdessen wäre beispielsweise denkbar, angesichts der steigenden Lebenserwartung den Renteneintritt flexibler zu gestalten, indem etwa durch Angebote für Teilzeitarbeit nach dem Renteneintrittsalter in Berufsgruppen, wo dies gewünscht und physisch möglich ist, die Produktivität älterer Jahrgänge gesteigert wird.

Auf der anderen Seite werden die wirtschaftlichen Folgen von Geburtenrückgang und
Alterung in der Forschung mindestens ambivalent gesehen. Beispielsweise berichtet eine Forschergruppe um den US-Demographen Ronald Lee in der Fachzeitschrift „Science“, eine Geburtenrate unter bestandserhaltendem Niveau und ein moderater Bevölkerungsrückgang gingen zwar mit steigenden Belastungen für die Sozialkassen, aber auch mit einem höheren Pro-Kopf-Lebensstandard eines Landes einher.

Bis zum Jahr 2035 scheint es jedenfalls einige Stellschrauben zu geben. Danach wird das Thema ohnehin weniger akut: Die ab dann aus dem Berufsleben ausscheidenden Kohorten entstammen nicht mehr den „Babyboomern“, sondern sind selbst in Zeiten niedriger Geburtenraten geboren worden. Die Zahl der jährlich aus dem Berufsleben ausscheidenden Menschen wird dann nur noch geringfügig über der Zahl der Berufsanfänger liegen.

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BMFSFJ: Senioren – ein unbedeutendes Nebenthema?

Breites Aufgabenfeld
Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, kurz BMFSFJ, hat thematisch keinen so scharfen Rand, wie etwa das Verteidigungs- oder das Außenministerium.
Vieles, was nicht explizit zu den vier Begriffen des Namens gehört, muss oder sollte zumindest ebenfalls vom BMFSFJ betreut und behandelt werden. Die Lebenssituation von Randgruppen etwa, Behinderte, Flüchtlinge oder Homosexuelle ist so ein nicht konkret benannter, aber doch relevanter Themenkomplex. Auch das Zusammenleben von Generationen, das Anerkennen und Fördern von freiwilligem Bürger-Engagement oder die Radikalismus-Prävention – in welchem anderen Ressort sollte man sich um diese Themen kümmern?
Man kann dem BMFSFJ also nicht vorwerfen, dass es regelmäßig über den engen Kreis der vier Buchstaben hinausgeht und sich weiteren aktuellen Themen und Problemen zuwendet. Es ist gut, dass das geschieht.

Senioren abgeschrieben?
Verwundert darf man aber doch sein, wenn ein explizit im Namen genanntes Thema anscheinend so gar keine Relevanz im Ministerium hat. Die Rede ist von den Senioren. Natürlich findet man auf der Webseite zu den Senioren einiges. Doch Menüs von Webseiten sind geduldig. Hinter ihnen kann man vieles verstecken, auch die Leere.
Womit beschäftigt sich das Ministerium wirklich? Was ist der Ministerin wichtig? Es sind die Themen, mit denen sie in die Medien geht.  Also haben wir die Pressemitteilungen des Hauses ausgewertet.
In der laufenden Legislaturperiode hat das BMFSFJ 298 Pressemitteilungen herausgegeben (Stand 10.4.2016). Davon hatten 9 die Senioren zum Thema. Von diesen 9 Mitteilungen bezogen sich 6 auf Programme rund um Alzheimer und Demenz und 3, alle aus 2016, auf demografische Erkenntnisse des statistischen Jahrbuchs und die (durchaus interessante) Broschüre „Ältere Menschen in Deutschland und der EU“.
Von den anderen 289 Pressemitteilungen hatten 105 „Jugend“ (vornehmlich im Sinne von „Kinder“) als Thema, 70 „Frauen“ und 56 „Familie“. 58 Pressemitteilungen bezogen sich auf eines der oben genannten sonstigen Themen.

161004-schwesig-pressemitteilungenDiese Schieflage, und anders kann man die aktuelle Fast-Bedeutungslosigkeit des Senioren-Themas in den Pressemitteilungen des BMFSFJ ja nicht bezeichnen, ist keine schon lange geübte Praxis.
Die Vorgängerinnen im Amt, Frau Schröder und Frau Von-der-Leyen gaben dem Senioren-Thema in ihrer Arbeit deutlich mehr öffentliche Bedeutung und Aufmerksamkeit, als dies unter Frau Schwesig der Fall ist.

Alles nur ein anderer Kommunikationsfokus?
Die Frage ist allerdings: ist diese neue „Vernachlässigung“ nur scheinbar, nur kommunikativ? Es könnte ja sein, dass die Pressemitteilungen lediglich widerspiegeln, womit man besonders hell und strahlend gesehen werden möchte. „Positionierung“ sagt man dazu im Marketing. Auch Politiker dürfen das.
Ist also alles nur eine etwas verschobene Fassade, die Arbeit an der Sache selbst läuft möglicherweise wie bisher? Alles geht ungeschmälert weiter, kein Programm, keine Studie, keine Förderung und keine interne Abteilung mit Fokus auf Senioren haben unter Ministerin Schwesig unverhältnismäßige Einbußen erlebt?
Ist es so? Oder ist unser Argwohn berechtigt, nämlich dass Senioren zwar noch an zweiter Stelle im Namen des Ministeriums stehen, aber irgendwo weit hinten, wenn es um Mittel und Maßnahmen geht?
Wir sind unsicher und erhalten hierzu gemischte Signale von den Kollegen.

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peter-apelÜber Peter Apel

Autor, Blogger und Sprecher. Ich schreibe gerne über Trends und Entwicklungen im digitalen Umfeld. Ich liebe Bewegung und Veränderung. Gute Innovationen können mich begeistern.
Privat bin ich Partner, Vater, Großvater und Freund. Ich segle und radle gern – in Deutschland wie in Frankreich.

http://www.peter-apel.de

Was lernen wir vom Brexit?

Zunächst einmal den großen Einfluss des demografischen Wandels. Die Abstimmungs-ergebnisse in Großbritannien zeigen eindrucksvoll die unterschiedlichen Einstellungen der Jungen und der Alten: Nur 27% der 18- bis 24-Jährigen waren für den Brexit, aber 60% der über 65-Jährigen. Und der viel größere Anteil der Älteren gab dann den Ausschlag für den Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union. Ein überzeugendes Beispiel für die „Macht“ der Älteren, die ja auch schon das Ergebnis der letzten Bundestagswahl in Deutschland nachhaltig beeinflusst haben.

Die Gründe für das Abstimmungsverhalten der Älteren in Großbritannien sind sicher vielfältig. Neben der Angstkampagne der Brexit-Gegner und neben der popularistischen Medienkampagne der Brexit-Befürworter hat aber sicher ein Motiv eine bedeutende Rolle gespielt: Die Furcht vor Veränderung bzw. das Festhalten am „Althergebrachten“ als Ausdruck einer konservativen Grundeinstellung. Die älteren Engländer können sich noch gut die frühere Größe und Macht des Vereinigten Königreiches erinnern und haben den schwindenden Einfluss ihres Landes im Verlauf der EU-Zugehörigkeit schmerzlich erlebt. Die Versprechungen der Brexit-Befürworter – England zur früheren Macht und Eigenständigkeit zurückzuführen – sind bei dieser Zielgruppe auf fruchtbaren Boden gefallen. Der derzeit desolate Zustand der Europäischen Union hat dann sein Übriges dazu getan.

Was lernen wir daraus? Erstens darf man den Einfluss der älteren Bevölkerung nicht unterschätzen. Zweitens muss man die Motive und Bedürfnisse dieser Zielgruppe genau kennen. Und drittens darf man (auch bei dieser „erfahrenen“ Zielgruppe) nicht erwarten, dass Entscheidungen aufgrund rationaler Überlegungen getroffen werden. Dies gilt nicht nur bei politischen Entscheidungen, sondern auch im Konsumbereich. Auch Unternehmen, die sich an die Zielgruppe älterer Konsumenten wenden, sollten dies berücksichtigen.

Stoppen Flüchtlinge den demografischen Wandel?

Flüchtlinge bei Ankunft

Foto: dpa

Bei der enorm steigenden Anzahl der Zuwanderer nach Deutschland stellt sich die Frage, ob dadurch der demografische Wandel abgeschwächt oder gar gestoppt werden kann. Die Frage muss mit nein beantwortet werden. Denn die Ursachen des demografischen Wandels werden dadurch nicht grundlegend verändert.

Die Bevölkerungszahl in Deutschland sinkt trotzdem
Derzeit haben wir in Deutschland 80 Mio. Einwohner, 2050 werden dies auch unter Berücksichtigung einer stärkeren Zuwanderung etwa 5 Mio. weniger Menschen sein. Besonders stark zurückgehen wird dabei die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland. Denn wenn die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre in Rente gehen, rücken nicht genügend Berufseinsteiger nach. Auch mehr Zuwanderer können den demografischen Wandel nicht ausgleichen. Nach Berechnungen der Vereinten Nationen müssten bis 2050 188 Mio. Menschen nach Deutschland einwandern, um das Verhältnis von Jüngeren zu Älteren konstant zu halten – eine unrealistische Zahl.

Die Lebenserwartung aller Einwohner erhöht sich weiter
Die steigende Lebenserwartung der Deutschen wird sich dank besserer Gesundheitsvorsorge und medizinischer Betreuung fortsetzen. Das heißt: Die Deutschen werden nach wie vor älter. Auch die Migranten altern im Laufe der Zeit und verstärken damit den Trend.

Die zahlenmäßig in den nächsten Jahren weiter zunehmende ältere Bevölkerung in Deutschland ist also nicht nur ein ernst zu nehmender Wirtschaftsfaktor, sondern stellt jedes Unternehmen vor die Frage, wie es sich auf diese Zielgruppe einstellen soll, wenn es von der sich verändernden Bevölkerungsstruktur profitieren will. Wir vom ReifeNetzwerk helfen gern dabei.

Demografiefest: Wirtschaftsminister Lies zeichnet Betriebe aus

Kurzmitteilung

Niedersachsen übernimmt Vorreiterrolle
Wirtschaftsminister Lies zeichnet demografiefeste Betriebe aus

Anlässlich des DemografieFestes am 8. Juni 2015 im Alten Rathaus Hannover, zeichnete Wirtschaftsminister Olaf Lies gemeinsam mit der Demografieagentur, Hannover, die seit drei Jahren in Niedersachsen aktiv ist, Unternehmen mit dem Zertifikat „Demografiefest. Sozialpartnerschaftlicher Betrieb“ aus. Insgesamt konnten zwölf niedersächsische Unternehmen das begehrte Zertifikat entgegennehmen.  Danach sind folgende Unternehmen für die Zukunft demografiefest aufgestellt und wollen so als Arbeitgeber attraktiv bleiben:

  • Agentur für Erwachsenen- und Weiterbildung (AEWB), Hannover
  • AMF-Bruns GmbH & Co. KG, Apen
  • Bildungswerk verdi
  • Gemeinde Lilienthal
  • Georgsmarienhütte GmbH, Landkreis Osnabrück
  • Sartorius Industrial Scales GmbH & Co. KG, Bovenden
  • Stadt Wolfsburg
  • Stadtwerke Hameln GmbH
  • Toyoda Gosei Meteor GmbH
  • üstra Hannoversche Verkehrsbetriebe AG
  • WABCO GmbH, Hannover
  • ZF Friedrichshafen AG, Lemförde

Weitere Informationen: www.demografieagentur.de

Das ReifeNetzwerk ist Netzwerkpartner der Demografieagentur für die niedersächsische Wirtschaft GmbH. Die Experten des ReifeNetzwerks unterstützen die Aktivitäten der Demografieagentur, da besonders Unternehmen in ländlichen Regionen Vorsorge treffen müssen, um für Arbeitnehmer als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben.

Umzugsprämie für Senioren – und dann?

Fotolia_68950202_XS+Vor wenigen Tagen schlug IG Bau Gewerkschaftschef Robert Feiger vor, Senioren 5.000 Euro staatliche Umzugsprämie für den Wechsel in kleinere Wohnungen zu zahlen. „Viele Senioren sitzen im Alter in ihren großen Wohnungen fest, viele Familien müssen dagegen in viel zu kleinen Wohnungen wohnen. Diesen Missstand müssen wir beheben”, sagte Feiger der BILD-Zeitung.

Was möglicherweise gut gemeint war – denn es gibt durchaus ältere Menschen, denen ihre Wohnung zu groß ist, die aber Aufwand und Kosten für einen Umzug scheuen – wurde überwiegend kritisch aufgenommen. Die BILD-Zeitung selbst titelte gewohnt plakativ:

RENTNER SOLLEN GROSSE WOHNUNGEN RÄUMEN ++ IG-BAU-CHEF ROBERT FEIGER WILL UMZUGSPRÄMIE FÜR SENIOREN ++ SIE SOLLEN PLATZ MACHEN FÜR JUNGE FAMILIEN!

„Richtiges Thema, falscher Vorschlag“, befand die taz. Die Realität sähe anders aus. Noch nie seien die über 65-Jährigen so mobil wie heute. Sei der Job getan, zögen die Best-Ager von Köln ins hübsche Görlitz oder vom langweiligen Dorf in die anregende Innenstadt. Jedoch – und hier käme der Vorschlag des IG-BAU-Chefs ins Spiel – klagten die Senioren darüber, dass die kleinere Wohnung mehr koste als die viel zu große mit einem alten Mietvertrag. Statt einer Umzugsprämie sei deshalb etwas ganz anderes nötig: ein Umzugsmanagement, etwa der kommunalen Wohnungseigentümer, das garantiert, dass die verlassene große Wohnung, ebenso wie die kleine neue zum selben Preis vermietet wird wie an die Vormieter.

Der Chef des Sozialverbands SoVD, Adolf Bauer, nannte die Maßnahme «im Einzelfall sinnvoll». Er warnte jedoch: „Kein Mensch darf sich gezwungen fühlen, seine Wohnung räumen zu müssen.“

Stephan Articus, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, lehnt eine Umzugsprämie ebenfalls ab. „Damit ist nichts gewonnen, denn es müssen ja geeignete Alternativen zur Verfügung stehen“, sagte Articus zu BILD. Es fehle noch an genügend altengerechten Wohnungen.

Die Idee verweise zwar auf ein drängendes Problem, sagte Bauministerin Barbara Hendricks (SPD). Denn es gäbe in der Tat zu wenig bezahlbaren Wohnraum für Familien mit Kindern. Sie halte allerdings diesen Vorschlag für nicht geeignet, dieses Problem zu lösen.

Ein wenig erinnert die Idee an den sozialpolitischen Irrweg des ehemaligen Junge-Union-Chefs Philipp Mißfelder, der vor mehr als zehn Jahren „sehr alten“ Menschen eine neue Hüfte verweigern wollte. Soll mit dem IG-Bau-Vorschlag in die gleiche Kerbe gehauen werden?Jung gegen Alt? Aufkündigung des Generationenvertrages? Zeigt der Vorschlag gar in Richtung „Sozialverträgliches Frühableben“, dem Unwort des Jahres 1998 in Deutschland, welches darauf anspielte, dass ein Mensch mit Erreichen des Rentenalters volkswirtschaftlich betrachtet mehr Kosten verursacht, als er Nutzen bringt? Sicher nicht, auch wenn der Vorschlag bei unreflektierter Betrachtung als ein weiteres Mosaiksteinchen in diese Richtung wahrgenommen werden könnte.

Es kann nicht Ziel sein, fehlenden Wohnraum für junge Familien zu schaffen, indem man den Älteren signalisiert, dass sie sich sozialschädlich verhalten, wenn sie in ihren „zu großen“ Wohnungen wohnen bleiben möchten. Die gewohnte Umgebung aufgeben und sich bei einer Verkleinerung des Haushaltes von liebgewonnen Gegenständen trennen zu müssen, sich neu zu orientieren, die gewohnte Infrastruktur zu verlieren, ist eine der großen Sorgen, die das Älterwerden begleiten, zumal für viele irgendwann ein weiterer Umzug in eine Seniorenunterkunft oder ein Pflegeheim ansteht.

Sinnvoller erscheint da, was Ministerin Barbara Hendricks und CDU-Sozialexperte Karsten Möring unisono fordern: „Besser als Prämien wäre es, den altersgerechten Umbau von Wohnungen zu fördern“. Hierdurch könnten Kosten für Sozial- und Pflegekassen „in erheblichem Umfang“ eingespart werden. Letztendlich hätte dies auch positive wirtschaftlich Folgen, denn nach einer Studie des Bundesverbandes Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW) ist zurzeit nur ein Prozent des deutschen Wohnungsbestandes in einem altersgerechten Zustand. Bis 2020 müssten mindestens 800.000 Wohnungen angepasst oder neu gebaut werden. Insbesondere das Handwerk würde also von einem Ausbau der Förderung profitieren. Viele Betriebe haben ohnehin die Älteren als lukrative Zielgruppe ausgemacht, die darüber hinaus bekannt ist für ihre hohe Zahlungsmoral.

Das ReifeNetzwerk unterstützt Handwerksbetriebe dabei, sich diesen lukrativen aber anspruchsvollen Markt zu erschließen.

Ministerin Schwesig für Senioren nicht zuständig?

Ministerin SchwesigIst Manuela Schwesig nur für das Thema „Familie“ im Amt? Sind die anderen Themen, insbesondere „Senioren“, für sie bestenfalls Prio 2? Zu diesem Eindruck kann kommen, wer die jüngsten Pressemitteilungen und Meldungen unter der Rubrik „Aktuelles“ aus dem Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) verfolgt.

Sucht man auf der Webseite des Ministeriums ganz neutral nach „Meldungen“, so stellt man erstaunt fest, dass alle knapp 80 Treffer seit Amtseinführung der neuen Ministerin am 17.12.13 dem Bereich „Familie“ zugeordnet sind. Dies mag ein vorübergehender Ausdruck einer neuen Kategorisierung sein, die noch im Umbruch ist. Doch die dort angesprochenen Themen sind in der Tat sehr „familienlastig“ – Themen zu Senioren finden sich da jedenfalls gar nicht.

Gleiches gilt für die 6 Pressemitteilungen des BMFSFJ bis 12.2.14. Einziger Bereich bisher: „Familie“. Liest man die Inhalte, dann geht es oft um Kinder, um kinderlose Paare sowie um Chancengleichheit von Frauen und Männern. Alles wichtig und berechtigt – aber Senioren kommen nicht vor.

Bei Frau Schröder (17. Legislaturperiode) war das anders: knapp 145 Meldungen und PM zum Thema „ältere Menschen“. Unter Frau von der Leyen (16. Legislaturperiode) kam das BMFSFJ auf 107 PM und Meldungen zu dem Thema. Beide Ministerinnen hatten sich dabei den Senioren schon früh in ihrer Amtszeit zugewandt.

Ministerin Schwesig hat ihre 100 Tage noch nicht hinter sich, mit Kritik soll man also vorsichtig sein. Und es mag durchaus sein, dass sie es mit Obama hält: „The best is yet to come.“ Aber ein wenig Sorge bereitet die bisherige thematische Schieflage schon. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, die Ministerin verschiebe hier bewusst und engagiert die Prioritäten. Das ist für die negativ betroffenen Gruppen immer schlecht. Doch angesichts des demografischen Wandels (auch wenn manche(r) das Wort schon nicht mehr hören mag) ist es auch für unser Land mehr als bedenklich.

Hoffen wir also, das dies alles nur ein unrepräsentativer, schiefer erster Eindruck ist, der schnell vergeht. Aber ein aufmerksames Auge werden wir nun schon drauf haben.

Plädoyer für Menschenfreundlichkeit

Rita SüssmuthAm 25. November 2013 erhielt Rita Süssmuth, Bundestagspräsidentin a. D., in Berlin den diesjährigen Politik-Award für ihr weitreichendes Engagement in Bereichen wie Integration, Frauen und demografischer Wandel. In einer zukunftsweisenden Rede, die sie am 29. August 2013 anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Frankfurter Forums für Altenpflege (FFA) in der Frankfurter Paulskirche hielt, antwortete sie auf die Frage: Wie muss sich das Pflegesystem verändern, um zukunftsfähig zu werden? Eine Zusammenfassung dieser Rede mit dem Titel: „ Plädoyer für Menschenfreundlichkeit “ finden Sie als pdf zum Download im Newsletter des Frankfurter Forums für Altenpflege.

Altenpflege zählt auch zu den Schwerpunktthemen des ReifeNetzwerks, das mit seiner langjährigen Expertise Pflege- und Senioreneinrichtungen im Bereich Kommunikation berät und unterstützt.

Neue Wege zur Versorgung mit Dienstleistungen im ländlichen Raum

Kurzmitteilung

BMEL logoIn einer Pressemitteilung von heute stellt das Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) ein neues Projekt zur Stärkung der Versorgung ländlicher Regionen vor:

Angesichts des demografischen Wandels wird es für viele Unternehmen im ländlichen Raum immer schwieriger, den Bewohnern ihre Dienstleistungen auch in Zukunft in erreichbarer Entfernung anbieten zu können. „Um die Regionen nachhaltig weiter zu entwickeln, brauchen wir moderne, regionale und wirtschaftlich tragfähige Versorgungsnetze im ländlichen Raum“, sagte Bundeslandwirtschaftsminister Dr. Hans-Peter Friedrich in Berlin. Deren Aufbau fördert das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) im Rahmen eines Projekts: So sollen Sparkassenfilialen, deren Schließung infolge des demografischen Wandels aus wirtschaftlichen Gründen droht, mit neuen Geschäftsmodellen geöffnet gehalten werden. Weiterlesen

Wege aus dem Renten-Engpass (3)

EngpassWachsende Rentnerzahlen, höhere Lebenserwartungen und sinkende Geburtenraten – für einige Jahrzehnte werden diese demografischen „Grundströmungen” Deutschland prägen und dabei an Kraft noch deutlich zunehmen.

Das Berlin Institut hat in einer Studie Empfehlungen erarbeitet, wie dem sich hieraus ergebenden und sich weiter zuspitzenden Renten-Engpass zu begegnen ist. In Teil 1 unseres Berichts haben wir die Empfehlungen für staatliche Stellen behandelt, in Teil 2 die für Betriebe. Sehr grob zusammengefasst war der Grundtenor dieser Empfehlungen: Flexibilisierung der Lebensarbeitszeit durch Öffnung staatlicher / öffentlicher Regelungen, Investitionen in Kompetenz- und Fitness-Erhalt, Aufwertung des Ansehens und der Wertschätzung älterer Mitarbeiter. Hauptziel: möglichst Viele sollten möglichst lange arbeiten. Das ist nicht nur gut für die Sozialsysteme sondern meist auch für den Einzelnen selbst.

Es ist eine Stärke der Studie, dass an dieser Stelle nicht mit dem Analysieren, Denken und Empfehlen aufgehört wurde. Vielmehr hat man sich die Frage gestellt: konkurriert möglicherweise diese nach hinten verlängerte Lebensarbeitszeit mit anderen, ebenso erstrebenswerten Aktivitäten, so dass die entsprechenden Empfehlungen netto gar keine Entlastung bringen? Oder etwas konkreter: gibt es Wechselwirkungen zwischen bezahlter Arbeit und ehrenamtlichen Engagements?

Die Findings hierzu wollen wir in diesem dritten und letzten Teil kurz behandeln. Die kostenlose Studie selbst („Produktiv im Alter”, 60 Seiten konzentrierte Information) kann beim Berlin Institut bestellt werden.

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