Demographie: Problem oder Lösung?

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Foto: Friedlies Reschke

Rentenpolitik, schrumpfende Regionen, Fachkräftemangel, Einwanderung: für alles muss die Demographie herhalten. Ein großer Irrtum, so Dr. Hannes Weber in der F.A.Z. vom 10. Oktober 2016.
Eine Zusammenfassung in Auszügen.

In der Tat hat Deutschland seit mehr als 40 Jahren eine Geburtenrate unter bestandserhaltendem Niveau und durchgehend mehr Sterbefälle als Geburten zu verzeichnen. Diese demographische Abwärtsspirale verleitet dazu, alle möglichen politischen Forderungen mit der Demographie zu begründen. „Falsch“, sagt der Autor, „die Bevölkerungsentwicklung hat aus ökonomischer und ökologischer Sicht durchaus einige positive Folgen, die oft nicht beachtet werden.“

Die erste Annahme: „In der Zukunft werden wir wegen des demographischen Wandels zu wenig Arbeitskräfte haben.“ In den kommenden Jahrzehnten wird der Altenquotient, also das Verhältnis der über 65-Jährigen zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, aller Wahrscheinlichkeit nach stark steigen. Ob das relativ kleiner gewordene Reservoir an Erwerbspersonen allerdings „zu wenig“ Arbeitskräfte liefern kann, ist überhaupt noch nicht abzusehen. Produktivitätssteigerungen, Digitalisierung und Automatisierung machen Vorhersagen darüber, dass aufgrund des demographischen Wandels Millionen Arbeitskräfte „fehlen“ werden, zur reinen Spekulation.

Das zweite Missverständnis: „Aufgrund der niedrigen Geburtenrate gibt es immer mehr Rentner in Deutschland.“ Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland liegt momentan auf Rekordniveau. Ein wesentlicher Grund hierfür ist der häufig übersehene Effekt, dass der Geburtenrückgang für eine gewisse Zeit zu einem steigenden Anteil der Erwerbsfähigen führt, weil die Kindergeneration kleiner wird, aber die ins Erwerbsleben nachrückenden jungen Menschen noch zahlreicher sind als die Älteren, die aus dem Berufsleben ausscheiden – die sogenannte „demographische Dividende“. In welchem Maße dieses Plus später durch einen Anstieg bei den Rentnerzahlen wieder zurückgeht und ob es sich sogar ins Negative verkehrt, hängt wesentlich von der Lebenserwartung ab und nicht so sehr von einer niedrigen Geburtenrate. Eine höhere Geburtenrate würde aufgrund der medizinischen Fortschritte in Zukunft auch eine höhere Zahl von Rentnern bedeuten, was wiederum hieße, dass die Zahl der Kinder also nicht nur nicht zurückgehen dürfte, sondern sie müsste immer größer werden, damit die in den nächsten Generationen noch zahlreicheren Rentner wiederum ausgeglichen würden. Die Folge wäre eine dauerhaft wachsende Bevölkerungszahl, wie es im heutigen Mitteleuropa wohl weder realistisch noch wünschenswert erscheint. Die „demographische Dividende“ wäre dann ausgefallen.

Die dritte Annahme: „Wegen des demographischen Wandels verödet der ländliche Raum.“ Dass in strukturschwachen, ländlichen Gebieten in den vergangenen Jahren die Bevölkerung zurückging und das Durchschnittsalter stieg, ist unbestritten. Aber Deutschland hat insgesamt trotz der niedrigen Geburtenrate in den vergangenen Jahrzehnten nicht an Einwohnern verloren, sondern sogar dazugewonnen. Folglich kann das Schrumpfen eines bestimmten Ortes nicht auf den demographischen Wandel
zurückgeführt werden. Die Demographie ist (…) sehr wohl ein gewichtiger Faktor für die unterschiedliche Entwicklung von Städten und Gemeinden, aber regionale Bevölkerungentwicklungen haben sich von Geburten- und Sterberaten abgekoppelt, die überall mehr oder weniger gleich sind. Sie werden fast vollständig von der Einwanderung von außerhalb und der Mobilität innerhalb der Landesgrenzen bestimmt.

Das vierte Mantra: „Durch Einwanderung kann der demographische Wandel bewältigt werden.“ Das scheinbar einfachste Mittel gegen Überalterung und Geburtenrückgang ist Zuzug von außen: Einwanderer sind häufig im jungen, erwerbsfähigen Alter und verbessern dadurch das Verhältnis von Erwerbsfähigen zu Rentnern. Aber auch ohne Berücksichtigung von Sprach- oder Qualifikationshürden, die zu geringerer tatsächlicher Erwerbsbeteiligung führen können und hohe Integrationskosten nach sich ziehen, wird bei einer solchen Betrachtung oft ausgeblendet, dass der reine demographische Effekt der Einwanderung auf den Anteil erwerbsfähiger Personen an der Gesamtgesellschaft eher gering ist. Das liegt unter anderem daran, dass auch Personen in nichterwerbsfähigem Alter einwandern. Aus zusätzlichen Erwerbsfähigen werden außerdem später auch zusätzliche Rentner, wodurch in Zukunft noch mehr Einwanderer benötigt würden, um diesen Anstieg auszugleichen. Langfristig steigt also in einem solchen Gesellschaftsmodell der Bedarf an Einwanderung immer weiter, was die Gesellschaft sicherlich nachhaltig verändern jedoch Anstieg des Altenquotienten nur geringfügig abmildern würde.

Was getan werden muss? Um Lösungen zu finden, muss zunächst Einigkeit darüber bestehen, welche Aspekte der demographischen Entwicklung überhaupt als negativ
angesehen und tunlichst vermieden werden sollen. Die unstrittige Herausforderung des „demographischen Wandels“ betrifft das Verhältnis zwischen Rentnern und Erwerbstätigen. Es wird sich in den kommenden Jahren abrupt verändern, sollten die derzeitigen Rahmenbedingungen konstant bleiben. Über mehr Geburten oder Einwanderer den zukünftigen Rentneranteil zu steuern ist nur eingeschränkt erfolgversprechend. Stattdessen wäre beispielsweise denkbar, angesichts der steigenden Lebenserwartung den Renteneintritt flexibler zu gestalten, indem etwa durch Angebote für Teilzeitarbeit nach dem Renteneintrittsalter in Berufsgruppen, wo dies gewünscht und physisch möglich ist, die Produktivität älterer Jahrgänge gesteigert wird.

Auf der anderen Seite werden die wirtschaftlichen Folgen von Geburtenrückgang und
Alterung in der Forschung mindestens ambivalent gesehen. Beispielsweise berichtet eine Forschergruppe um den US-Demographen Ronald Lee in der Fachzeitschrift „Science“, eine Geburtenrate unter bestandserhaltendem Niveau und ein moderater Bevölkerungsrückgang gingen zwar mit steigenden Belastungen für die Sozialkassen, aber auch mit einem höheren Pro-Kopf-Lebensstandard eines Landes einher.

Bis zum Jahr 2035 scheint es jedenfalls einige Stellschrauben zu geben. Danach wird das Thema ohnehin weniger akut: Die ab dann aus dem Berufsleben ausscheidenden Kohorten entstammen nicht mehr den „Babyboomern“, sondern sind selbst in Zeiten niedriger Geburtenraten geboren worden. Die Zahl der jährlich aus dem Berufsleben ausscheidenden Menschen wird dann nur noch geringfügig über der Zahl der Berufsanfänger liegen.

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BMFSFJ: Senioren – ein unbedeutendes Nebenthema?

Breites Aufgabenfeld
Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, kurz BMFSFJ, hat thematisch keinen so scharfen Rand, wie etwa das Verteidigungs- oder das Außenministerium.
Vieles, was nicht explizit zu den vier Begriffen des Namens gehört, muss oder sollte zumindest ebenfalls vom BMFSFJ betreut und behandelt werden. Die Lebenssituation von Randgruppen etwa, Behinderte, Flüchtlinge oder Homosexuelle ist so ein nicht konkret benannter, aber doch relevanter Themenkomplex. Auch das Zusammenleben von Generationen, das Anerkennen und Fördern von freiwilligem Bürger-Engagement oder die Radikalismus-Prävention – in welchem anderen Ressort sollte man sich um diese Themen kümmern?
Man kann dem BMFSFJ also nicht vorwerfen, dass es regelmäßig über den engen Kreis der vier Buchstaben hinausgeht und sich weiteren aktuellen Themen und Problemen zuwendet. Es ist gut, dass das geschieht.

Senioren abgeschrieben?
Verwundert darf man aber doch sein, wenn ein explizit im Namen genanntes Thema anscheinend so gar keine Relevanz im Ministerium hat. Die Rede ist von den Senioren. Natürlich findet man auf der Webseite zu den Senioren einiges. Doch Menüs von Webseiten sind geduldig. Hinter ihnen kann man vieles verstecken, auch die Leere.
Womit beschäftigt sich das Ministerium wirklich? Was ist der Ministerin wichtig? Es sind die Themen, mit denen sie in die Medien geht.  Also haben wir die Pressemitteilungen des Hauses ausgewertet.
In der laufenden Legislaturperiode hat das BMFSFJ 298 Pressemitteilungen herausgegeben (Stand 10.4.2016). Davon hatten 9 die Senioren zum Thema. Von diesen 9 Mitteilungen bezogen sich 6 auf Programme rund um Alzheimer und Demenz und 3, alle aus 2016, auf demografische Erkenntnisse des statistischen Jahrbuchs und die (durchaus interessante) Broschüre „Ältere Menschen in Deutschland und der EU“.
Von den anderen 289 Pressemitteilungen hatten 105 „Jugend“ (vornehmlich im Sinne von „Kinder“) als Thema, 70 „Frauen“ und 56 „Familie“. 58 Pressemitteilungen bezogen sich auf eines der oben genannten sonstigen Themen.

161004-schwesig-pressemitteilungenDiese Schieflage, und anders kann man die aktuelle Fast-Bedeutungslosigkeit des Senioren-Themas in den Pressemitteilungen des BMFSFJ ja nicht bezeichnen, ist keine schon lange geübte Praxis.
Die Vorgängerinnen im Amt, Frau Schröder und Frau Von-der-Leyen gaben dem Senioren-Thema in ihrer Arbeit deutlich mehr öffentliche Bedeutung und Aufmerksamkeit, als dies unter Frau Schwesig der Fall ist.

Alles nur ein anderer Kommunikationsfokus?
Die Frage ist allerdings: ist diese neue „Vernachlässigung“ nur scheinbar, nur kommunikativ? Es könnte ja sein, dass die Pressemitteilungen lediglich widerspiegeln, womit man besonders hell und strahlend gesehen werden möchte. „Positionierung“ sagt man dazu im Marketing. Auch Politiker dürfen das.
Ist also alles nur eine etwas verschobene Fassade, die Arbeit an der Sache selbst läuft möglicherweise wie bisher? Alles geht ungeschmälert weiter, kein Programm, keine Studie, keine Förderung und keine interne Abteilung mit Fokus auf Senioren haben unter Ministerin Schwesig unverhältnismäßige Einbußen erlebt?
Ist es so? Oder ist unser Argwohn berechtigt, nämlich dass Senioren zwar noch an zweiter Stelle im Namen des Ministeriums stehen, aber irgendwo weit hinten, wenn es um Mittel und Maßnahmen geht?
Wir sind unsicher und erhalten hierzu gemischte Signale von den Kollegen.

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peter-apelÜber Peter Apel

Autor, Blogger und Sprecher. Ich schreibe gerne über Trends und Entwicklungen im digitalen Umfeld. Ich liebe Bewegung und Veränderung. Gute Innovationen können mich begeistern.
Privat bin ich Partner, Vater, Großvater und Freund. Ich segle und radle gern – in Deutschland wie in Frankreich.

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