Smart Home: Alte Menschen akzeptieren moderne Technik

Tablett als Bediengerät

Tablet-PC als altersgerechtes Bediengerät
Foto: Cibek

Die Digitalisierung aller Lebensbereiche schreitet mit ungeheurem Tempo voran – vom Arbeitsplatz über die Mobilität bis hin ins Wohn- und Schlafzimmer. Häufig unbemerkt in der öffentlichen politischen Diskussion ist auch die Wohnungswirtschaft längst in der digitalen Welt angekommen. Im Vermietungsprozess sind bereits seit vielen Jahren digitale Medien im Einsatz. Auch ein digitaler Prozess von der Mängelanzeige bis zur Handwerkerbeauftragung ist längst Standard.

Dennoch hat die Wohnungswirtschaft gegenüber vielen anderen Branchen einen immensen Nachholbedarf. So sind zum Beispiel die Gebäudezustandserfassung und die Mieterkommunikation in der Regel nicht oder nur teilweise in einem digitalen Prozess erfasst. Unter dem Stichwort Wohnungswirtschaft 4.0 suchen vermehrt Wohnungsunternehmen nach Ansätzen für ein Gesamtkonzept, das unter anderem die Aufgabenfelder Energie und Energieerzeugung, digitale Datenerfassung und Mieter-Portallösungen sowie digitale Erfassungs- und Abrechnungsprozesse von Energieverbräuchen beinhaltet.

Entgegen einer teilweisen digitalen Zurückhaltung in der Branche setzen bereits seit Anfang des neuen Jahrtausends Wohnungsunternehmen unterschiedlicher Größen und Rechtsformen technische Assistenzsysteme ein. Diese halten mit Bezeichnungen wie Ambient Assisted Living (AAL) und Smart Home zunehmend in Mietwohnungen Einzug. Sie helfen älteren und beeinträchtigten Menschen, länger sicher, komfortabel und eigenständig in ihrer angestammten Umgebung und Wohnung leben zu können. Aber nicht nur Mieter(innen), sondern auch Wohnungsunternehmen und die Gesellschaft profitieren. Zudem wird der Gesundheitsstandort Wohnung gestärkt.

Zu diesen Ergebnissen kommt die mit Mitteln der Forschungsinitiative „Zukunft Bau“ des Bundesinstituts für Bau-, Stadt-, und Raumforschung geförderte Studie „Technische Assistenzsysteme für ältere Menschen – eine Zukunftsstrategie für die Bau- und Wohnungswirtschaft. Wohnen für ein langes Leben/AAL“, die gemeinsam von GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, SIBIS Institut für Sozialforschung und Projektberatung GmbH, Berlin, sowie InWIS GmbH, Bochum, erstellt wurde.

Die Studie zeigt aber auch, dass noch wesentliche Hemmnisse für die Verbreitung von technischen Assistenzsystemen bestehen: Häufig fehlt bei potenziellen Anwendern ein Bewusstsein über den Nutzen der Systeme. Zudem sind die Finanzierungsbedingungen aktuell noch schwierig. Eine zusätzliche Zahlungsbereitschaft der Mieter ist nicht erkennbar und funktionierende Geschäftsmodelle sind noch Mangelware.

Die betriebswirtschaftlichen Analysen im Rahmen der Studie führten zu einem klaren Ergebnis: Das klassische wohnungswirtschaftliche Modell einer Finanzierung über die Mieten ist im Regelfall bei der Realisierung technischer Assistenzsysteme nicht anwendbar. Auch das von der Politik bislang zur Verfügung gestellte Instrumentarium reicht derzeit nicht, um den Nutzen von technischen Assistenzsystemen konsequent zu heben. Es bedarf vielmehr der Entwicklung und Erprobung neuer interdisziplinärer Modelle, in die beispielsweise die Kommunen, Kranken- oder Pflegekassen und System- und Dienstleistungsanbieter mit einbezogen werden sollten. Konkret empfiehlt die Studie eine Erweiterung des Leistungskataloges der Pflegekassen um intelligente, IT-gestützte Monitoringsysteme.

Nicht explizit untersucht wurde bisher, inwiefern technische Assistenzsysteme auch Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen helfen können, ein möglichst selbstbestimmtes Leben in einer Mietwohnung zu führen. Die Erkenntnisse aus der Studie lassen aber einen positiven Einfluss vermuten und zeigen aufgrund von rund 90 durchgeführten Befragungen, unter welchen Kriterien technische Assistenzsysteme für Nutzer sinnvoll sind. Generell muss die technische Unterstützung

  • bezahlbar und einfach bedienbar sein,
  • den Nutzen für die Mieter(innen)/Bewohner(innen) und dabei vor allem einen Komforteffekt in den Vordergrund stellen,
  • in kommunale und unternehmerische Gesamtkonzepte eingebettet werden, und
  • den Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit entsprechen.

Wesentlicher Erfolgsfaktor für technikbasierte Projekte sind zudem stets verfügbare kompetente Ansprechpartner. Selbstverständlich müssen zudem Datenschutz und Datensicherheit gewährleistet sein. Die Autoren stellen ferner technische Empfehlungen vor. Danach soll eine strukturierte Verkabelung in Neubauten künftig Standard sein und in Bestandsbauten bei umfassenden Sanierungen nachgerüstet werden. Generell sind kabelgebundene Systeme als Basisinfrastruktur Funksystemen vorzuziehen. Zudem würden für Wohnbauten technische Standardausstattungsstandards empfohlen, die optional erweitert werden können.

Technische Standardausstattung und optionale Erweiterungen:

Standardausstattung Optionale Erweiterungen
Licht/Strom – Alles Ein/Aus-FunktionBedienung über ein Panel an der Tür – optional: über Smartphone /TabletSchaltbare SteckdosenNotruf Herd Ein/AusKommunikationspaket “Schwarzes Brett”Video-Eingangstüren/ggf. in Verbindung mit elektronischem oder  biometrischem SchlüsselRollläden- oder Funk-Lichtsteuerung.Sturzsensor/NotrufGesundheitspaket

Quelle: GdW, SIBIS, InWIS

Allerdings bleibt nach der Studie das Ziel eines „Plug and Play“ weiterhin Wunschtraum: Es wurde keine Bedienschnittstelle gefunden, die gleichermaßen für alte, technikabstinente User und jüngere, technikaffine Nutzer(innen) tauglich und attraktiv ist. Unterschiedlich komplexe Bedienprozeduren sollten auf unterschiedlichen Endgeräten zur Verfügung gestellt werden. Zudem sind niedrigschwellige Erstschulungen und eine dauerhafte technische Unterstützung und Beratung hilfreich. Weiterhin werden mehr Anlaufstellen benötigt, die über die AAL-Systeme und deren Nutzen für die Wohnungswirtschaft einerseits und die Nutzer(innen) andererseits aufklären. Wohnungsunternehmen und Technikhersteller sollten daher die Einrichtung von Musterwohnungen weiter forcieren. Zur Durchsetzung dieser Forderungen soll auch eine am 03.11.2015 veröffentlichte „Gemeinsame Erklärung Bündnis für ein technikgestütztes und selbstbestimmtes Wohnen(PDF-Download) von GdW und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) e.V. beitragen.

Generell muss die Wohnungsbranche die Digitalisierung noch stärker als bisher als Chance begreifen, und die Politik für eine erfolgreiche Umsetzung aber auch die passenden rechtlichen Voraussetzungen schaffen. Ein hohes digitales Innovationspotenzial besteht im Zusammenhang mit den technischen Assistenzsystemen in den häufig hervorgehobenen Bereichen Energieeffizienz und „Wohnung als Gesundheitsstandort“ . Um in den zahlreichen Innovationsfeldern der Digitalisierung zu praktikablen und möglichst kostengünstigen Lösungen zu gelangen, ist intensive Forschung notwendig. Deshalb, so eine weitere GdW-Forderung, müssen diese Themen noch viel stärker auf die politische Agenda gehoben und in öffentliche Förderprogramme aufgenommen werden.

Dabei gilt es auch, den internationalen Kontext zu beachten, um globalen Anbietern lukrative Geschäftsfelder nicht allein zu überlassen. Damit die Digitalisierung im zentralen Lebensbereich des Wohnumfelds gelingen kann, bedarf es eines „Europas der digitalen Werte“ . Das setzt voraus, dass alle Schlüsselbranchen – die Wohnungswirtschaft, die Elektroindustrie, die Rundfunk- und Breitbandindustrie sowie die Forschungs-Vorreiter im Bereich digitaler Techniken – gemeinsam eine digitale Wohnstrategie für Europa vorantreiben.

Quelle: GdW Bundesverband deutscher Wohnungsunternehmen / vdw Niedersachsen Bremen

Die Experten vom ReifeNetzwerk wissen, wie man die Altersgruppe anspricht und die Hemmnisse reduzieren kann.

wedemeier_0429bbAutor: Dr. Claus Wedemeier, Referent für Demografie und Digitalisierung, GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen

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