Wege aus dem Renten-Engpass (3)

EngpassWachsende Rentnerzahlen, höhere Lebenserwartungen und sinkende Geburtenraten – für einige Jahrzehnte werden diese demografischen „Grundströmungen” Deutschland prägen und dabei an Kraft noch deutlich zunehmen.

Das Berlin Institut hat in einer Studie Empfehlungen erarbeitet, wie dem sich hieraus ergebenden und sich weiter zuspitzenden Renten-Engpass zu begegnen ist. In Teil 1 unseres Berichts haben wir die Empfehlungen für staatliche Stellen behandelt, in Teil 2 die für Betriebe. Sehr grob zusammengefasst war der Grundtenor dieser Empfehlungen: Flexibilisierung der Lebensarbeitszeit durch Öffnung staatlicher / öffentlicher Regelungen, Investitionen in Kompetenz- und Fitness-Erhalt, Aufwertung des Ansehens und der Wertschätzung älterer Mitarbeiter. Hauptziel: möglichst Viele sollten möglichst lange arbeiten. Das ist nicht nur gut für die Sozialsysteme sondern meist auch für den Einzelnen selbst.

Es ist eine Stärke der Studie, dass an dieser Stelle nicht mit dem Analysieren, Denken und Empfehlen aufgehört wurde. Vielmehr hat man sich die Frage gestellt: konkurriert möglicherweise diese nach hinten verlängerte Lebensarbeitszeit mit anderen, ebenso erstrebenswerten Aktivitäten, so dass die entsprechenden Empfehlungen netto gar keine Entlastung bringen? Oder etwas konkreter: gibt es Wechselwirkungen zwischen bezahlter Arbeit und ehrenamtlichen Engagements?

Die Findings hierzu wollen wir in diesem dritten und letzten Teil kurz behandeln. Die kostenlose Studie selbst („Produktiv im Alter”, 60 Seiten konzentrierte Information) kann beim Berlin Institut bestellt werden.

Gar keine Frage: Durch ehrenamtliche und damit unentgeltliche Tätigkeit werden Werte geschaffen, die der Gemeinschaft zu Gute kommen. Deutschland ist in Sachen „privates Engagement” relativ aktiv: 2009 übten 36% der Bürger ehrenamtliche Tätigkeiten aus oder waren in Vereinen, Initiativen, Projekten oder Selbsthilfegruppen engagiert.

Die demografische Entwicklung bedroht auch diese Werte:

  • Die ehrenamtlich besonders aktiven Altersgruppen liegen zwischen 35 und 49 Jahren. Über 40% der Personen dieser Gruppe sind hier ehrenamtlich engagiert. Durch den demografischen Wandel schrumpft diese Gruppe erheblich. Bis 2030 wird mit einem saldierten Rückgang der ehrenamtlich Engagierten um rd. 1,5 Millionen Menschen gerechnet. Hier schlägt die Demografie direkt zu.
  • Der Renten-Engpass treibt Staat, Unternehmen und Beschäftigte dazu, über (flexible) Verlängerungen des Berufslebens nachzudenken. Die Studie selbst ist in großen Teilen Beleg dafür (siehe Teil 1 und 2 dieser Serie). Wird nun diese tendenziell längere und eben bezahlte Arbeitszeit zu Lasten der unentgeltlichen Engagements der Senioren gehen? Werden sich die Altersgruppen zwischen 65 und 70 seltener engagieren, weil sie vermehrt geregelter und bezahlter Arbeit nachgehen? Dieser demografische Einfluss wäre indirekt.

In der Studie wird die Ansicht vertreten, der erste Effekt sei sehr viel sicherer (und damit gefährlicher). Ihm liegt zwar letztlich auch „nur” eine Hochrechnung zu Grunde, aber sie erscheint plausibel. Für den zweiten Effekt gibt es widerstreitende Erkenntnisse: Ob hier erwartbare Engagements wegbrechen, weil Anderes in den Vordergrund gedrängt wird, weil stattdessen bezahlter Arbeit nachgegangen wird, oder ob solche Effekte ausbleiben, ist nicht sicher erkennbar. Es gibt durchaus auch Erkenntnisse, die das Gegenteil annehmen lassen: privates Engagement korreliert (in Teilen) mit Erwerbstätigkeit, wer aktiv ist, ist es beruflich und privat.

Dieser Abschnitt der Studie mündet darum nicht in konkrete Ratschläge, etwa für ehrenamtlich Engagierte. Hier finden sich vielmehr einige Forderungen, um insbesondere der direkten Auswirkung des demografischen Wandels entgegenzuwirken. Adressat ist hier ganz allgemein die Gesellschaft:

  • Wie die (bezahlte) Arbeit gerät auch das ehrenamtliche Engagement unter den Druck des demografischen Wandels. So, wie dieser Wandel die Rentenkassen belasten wird, so wird er auch in den vielen Institutionen und Vereinen, an denen mit ehrenamtlichem Engagement Werte geschaffen werden, spürbar sein. Beiden Entwicklungen muss entgegengewirkt werden.
  • Eine Schlüsselmaßnahme ist in beiden Fällen die Kommunikation. Arbeit muss mehr im Licht der Weiterentwicklung von Qualifikation und Fitness gesehen werden. Ehrenamtliches Engagement muss stärker gefördert und anerkannt werden, von staatlichen Stellen wie auch von denen, die Ort der Leistungserbringung sind: Vereine, Schulen, Pflegeheime, Kirchen etc. Das Institut fordert, eine „Kultur der Freiwilligkeit” zu fördern.
  • Nicht immer gehen die Organisationen, in denen ehrenamtliches Engagement stattfindet, professionell mit den Engagierten um. Gerade ältere Menschen haben hier aber mitunter hohe Anforderungen. Die organisatorischen Rahmen können aus Sicht des Instituts vielerorts noch optimiert werden.
  • Die öffentliche Förderung ehrenamtlicher Tätigkeiten sollte dabei auf einem robusten finanziellen Fundament stehen um Planungssicherheit zu geben. Aktionistische Kurzfrist-Programme mit permanent wechselnden Schwerpunkten schaden der Nachhaltigkeit. Ehrenamtliches Engagement entwickelt sich in einem nachhaltigen Umfeld am besten. Gefordert wird eine langfristig angelegte staatliche „Regelförderung”.

Zum Abschluss dieser Reihe möchten wir betonen, dass wir hier einige Thesen und Schlussfolgerungen des Berlin Instituts wiedergegeben haben. Die Studie ist sehr viel umfang- und faktenreicher. Die Forderungen und Empfehlungen haben uns überzeugt, decken sie sich doch zu großen Teilen mit Sichtweisen und Angeboten, die Das ReifeNetzwerk ebenfalls vertritt.

Ein wenig zu kurz gekommen in der Studie ist aus unserer Sicht das Thema: Beschäftigung nach vollem Eintritt ins Rentenalter, also außerhalb des gesetzten Begriffs “Alters-Teilzeit”. Formal bestehen hier für Rentner viele Freiehitsgrade. Aber es gibt auch noch viele Optimierungsmöglichkeiten, insbesondere auf staatlicher Seite (wir subsumieren hier Gesetze, Verordnungen, Rechtsprechung und Sozialversicherungsverträge etwas vereinfacht unter dem Begriff „Staat”). Und Arbeitnehmer wie Arbeitgeber suchen hier Hilfe. Zwei Beispiele:

  • Rentner, die weiterarbeiten, zahlen zwar keine AV-Beiträge mehr (und sind auch nicht mehr gegen Arbeitslosigkeit versichert), ihr Arbeitgeber aber zahlt seinen Teil für sie weiter – um eine Diskriminierung junger Arbeitnehmer zu vermeiden. Vor dem hier vorgestellten Hintergrund erscheint diese Leitlinie nicht mehr recht in die Landschaft zu passen.
  • Die Frage des Kündigungsschutzes bei Beschäftigtem nach ihrem Renteneintritt ist ebenfalls überprüfungswürdig (es kann leicht faktische Unkündbarkeit entstehen). Und einfach ab Rentenbeginn einen befristeten Vertrag aufsetzen darf man ja  nicht.Ganz generell sollte hier also der arbeitsrechtliche Rahmen überprüft werden.

Für solche und andere Änderungen ist ein Dialog mit allen Playern am Arbeitsmarkt erforderlich, insbesondere mit den Gewerkschaften. Auch diesem Aspekt hätte in der Studie aus unserer Sicht etwas mehr Raum gewidmet werden können.

Sollten Sie Fragen zu diesem Themenkomplex haben: Das ReifeNetzwerk unterstützt Sie gerne.

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