Wege aus dem Renten-Engpass (1)

Engpass+Drei Entwicklungen führen die deutsche Bevölkerung in diesem Jahrhundert in einen dramatischen Renten-Engpass:

  1. Die Zahl der Beitragszahler geht zurück: es gibt zu wenige Neugeborene und zu wenige junge Zuwanderer.
  2. Die Zahl der Beitragsempfänger wächst (1): In den nächsten 25 Jahren kommen die geburtenstarken Jahrgänge ins Rentenalter.
  3. Die Zahl der Beitragsempfänger wächst (2): Die Rentenzeit wächst stetig auf Grund kontinuierlich wachsender Lebenserwartungen.

Wie soll man reagieren? Und wer ist überhaupt „man”? Diesen Fragen geht das Berlin Institut in seiner kostenlosen Studie „Produktiv im Alter” nach. Anfang Dezember wurden einige Kernergebnisse der Studie auf einer Veranstaltung der Körber-Stiftung in Hamburg vorgestellt. Die Studie selbst (60 Seiten konzentrierte Information) kann beim Berlin Institut bestellt werden (Link siehe oben). Wir stellen in einer kleinen Serie einige Ergebnisse aus der Studie vor.

Die Frage: „Wer muss sich darum kümmern?” wird von den Berlinern zunächst auf naheliegende Weise beantwortet: Der Staat (im weiteren Sinne) und die Betriebe. Diese beiden Bereiche sind aus Sicht des Instituts in der Zukunft besonders gefordert. Für beide Gruppen enthält die Studie Empfehlungen für die nächsten Jahre.

In diesem Teil 1 behandeln wir die Empfehlungen für staatliche Stellen.

  • Die erste Empfehlung ist formal am einfachsten und auch schon häufig praktiziert worden: Mit verschobenen bzw. flexibleren Grenzwerten für das Renteneintrittsalter kann, wird und soll man die wichtigen Jahrgangskohorten verschieben und neu zuordnen. Aus Schon-Rentenempfängern werden so „mit einem Federstrich” Noch-Beitragszahler. Natürlich geht das in Wirklichkeit nicht so einfach und hat zudem seine wirtschaftlichen, körperlichen wie auch moralischen Grenzen. Aber immerhin: Vergleiche mit dem europäischen Ausland (Norwegen, Schweiz, Finnland, Island, Dänemark, UK) zeigen, dass flexiblere Grenzen mit größeren Bandbreiten durchaus möglich sind und auch akzeptiert werden. Das Institut empfiehlt, diese Grenzen durchlässiger zu machen und tendenziell in Richtung 70 Jahre zu öffnen.
  • Ein noch recht ungenutztes Instrument ist indessen das der Altersteilzeit. Es weist in die gleiche Richtung wie der obere Punkt, wurde aber in Deutschland bisher immer als Antwort auf einen Wunsch nach vorzeitigem Renteneintritt interpretiert. So entstanden starre und schwer verständliche Zuverdienst-Regelungen. Die Folge: Altersteilzeit mit Teilrente wird in D kaum genutzt. Nur einer von zweitausend Neurentnern nimmt dieses Modell in Anspruch. Die Empfehlung lautet nun einerseits, die entsprechenden Regelungen zu vereinfachen und zu flexibilisieren. Empfohlen wird auch, das Thema selbst stärker zu vermarkten und so mehr Aufmerksamkeit und Akzeptanz bei Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu schaffen. Versteht man Altersteilzeit nämlich nicht als ein Vorziehen des Renteneintritts, sondern als ein abgestuftes Nach-Hinten-Schieben des 100%igen Austritts aus dem Berufsleben, dann bekommt das Thema eine ganz andere Tonalität.
  • Die Arbeitslosigkeit in Deutschland geht gerade bei den jüngeren Arbeitssuchenden immer weiter zurück, oder anders: allein die Älteren bleiben über. Die dritte Empfehlung an staatliche Stellen ist es darum, die Altersarbeitslosigkeit abzubauen. Das Institut sieht drei Ansatzpunkte:
    • wirtschaftliche Hilfe für Betriebe für die Einstellung älterer Arbeitnehmer. So könnte etwa der in Deutschland vielerorts übliche, rein betriebswirtschaftlich aber nicht immer gerechtfertigte „Senioritätslohn” (Ältere bekommen mehr Gehalt als Jüngere auf dem gleichen Platz, einfach weil sie länger im Unternehmen sind.) auf ein vertretbareres Maß „runter” subventioniert werden.
    • Erhalt der Leistungsfähigkeit der älteren Arbeitnehmer in den Unternehmen durch Förderung von innerbetrieblichen Fortbildungs-Maßnahmen und Gesundheitsprogrammen.
    • Bekämpfung von Altersdiskriminierung, rechtlich wie auch kommunikativ (Aufklärung, Information). Das in vielen Fällen schiefe Bild des kaum noch leistungsfähigen Seniors muss dringend gerade gerückt werden. Nachlassender körperlicher Leistungsfähigkeit stehen die über die Jahre kumulierten Erfahrungswerte wie auch eine generelle größere Gelassenheit und mitunter Umsicht gegenüber. Nicht in allen Branchen und an allen Plätzen ist das gefordert, aber doch an vielen.

    Alle drei Ansatzpunkte greifen eigentlich in betriebliche Verantwortungsbereiche oder die Vertragsgestaltung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern bzw. die der Tarifparteien ein. Trotzdem gibt es, so das Berlin Institut, Erkenntnisse, die die volkswirtschaftliche Wirksamkeit solcher Eingriffe nahe legen. Gerade kleine und mittlere Unternehmen brauchen hier häufig entsprechende Anstöße, Förderungen und normierende Rahmenbedingungen. Zudem liegen Investitionen in geistige wie körperliche Fitness durchaus im allgemeinen gesellschaftlichen Interesse, nicht nur in dem der Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

In Teil 2 dieser kurzen Reihe wird es um die Frage gehen, was Betriebe machen können, um den o.g. Herausforderungen zu begegnen. Auch hier hat das Berlin Institut Empfehlungen erarbeitet. Das ehrenamtliche Engagement einzelner und seine Konkurrenz zu bezahlter Arbeit werden wir im dritten und letzten Teil der Serie behandeln.

Das ReifeNetzwerk verfolgt mit seinem Programm Value Protection Ziele, die mit diesen Erkenntnissen gut übereinstimmen. Gerade die Themen Fortbildung wie auch Abbau von Vorurteilen und damit von Altersdiskriminierung (explizit wie implizit) sind unsere Hauptansatzpunkte in den Betrieben.

Print Friendly

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

* Copy This Password *

* Type Or Paste Password Here *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>