Facebook-Studie: Jugend-Aggression gegenüber Älteren

130329 50Vor gut einem halben Jahr haben wir hier unser „Senioren-Manifest“ vorgestellt. Die Kernaussage war: Menschen werden von Jahr zu Jahr wertvoller – als Mensch und  eben auch wirtschaftlich. Schon allein aus volkswirtschaftlichen Gründen dürfen diese „Assets“ nicht zu früh zu Brachland werden (Stichwort Frühverrentung). Grund für stilles oder gar aktiv praktiziertes Minderwertigkeits-Verhalten besteht ohnehin in keiner Weise!

Fazit (damals wie heute): Senioren, emanzipiert Euch!

Das Feedback war weitgehend positiv, hier und da wurde die Sorge geäußert, das wäre vielleicht etwas aggressiv vorgetragen, sooo unqualifiziert seien Jüngere ja nun auch nicht. (Natürlich sind sie das nicht, aber dass jeder vor der Erfahrung weniger weiß als hinterher, ist so trivial, dass man es kaum betonen mag…).

Im Februar 2013 wurde nun in The Gerontologist eine Studie der Gerontological Society of America veröffentlicht, die die Frage umdreht. Hier kann man durchaus Beunruhigendes erkennen:

Die Generation der Jüngeren geht in sozialen Netzen mit den Älteren oft herabwürdigend, infantilisierend und meist auch aggressiv um.

Offene und verdeckte Jugend-Aggression gegenüber Senioren scheint demnach ein veritables Thema zu sein.

Titel der amerikanischen Studie: Facebook as a Site for Negative Age Stereotypes.

Für diese Erkenntnis wurde ein innovativer Ansatz gewählt: Man untersuchte die Beschreibungen von Facebook-Gruppen mit Altersbezug. In Facebook kann man sich zu Gruppen organisieren, Angler, Briefmarkensammler, Köche, Partnersuchende etc. Jedes Mitglied kann eine Gruppe gründen. Damit Andere der Gruppe beitreten, stellt man in der Beschreibung vor, um was es in der Gruppe geht.

Wenn nun in der Gruppen-Beschreibung in irgendeiner Weise auf die ältere Generation Bezug genommen wurde (zum Beispiel durch Verwendung des Begriffs „alter Mensch“ oder “Rentner”), dann wurde diese Gruppe in die Untersuchung einbezogen. So wurden 84 Gruppen mit gut 25.000 Mitgliedern identifiziert (alle englischsprachig und offen für externe Leser).

Um die Gruppen besser einordnen zu können, wurden die Gruppenmitglieder bzgl. Geschlecht und Alter segmentiert (Facebook ist für so etwas ja ideal!).

Die Gruppenbeschreibungen wurden einzeln und manuell textlich ausgewertet.

Hier sind einige der erschreckenden Ergebnisse:

  • Negative Stereotyp-Aussagen wurden in 98,8% der Beschreibungen der Facebook-Gruppen mit Bezug zu älteren Menschen gefunden.
  • Nur eine der 84 Gruppen setzte den Altersbezug in ihrer Beschreibung wertschätzend, positiv ein: „Alte Männer mit langen, grauen Bärten sind so weise“ – eine Gandalf-Verehrer-Gruppe („Herr der Ringe“, J.R.R. Tolkien). Die anderen 83 bestanden sämtlich aus negativen Alters-Sterotypen.
    • 74% der Beschreibungen waren schlicht herabwürdigend: Ältere Menschen tragen nichts mehr zum sozialen Leben bei“ etc.
    • 41% konnotierten physische Schwäche,
    • 27% mentale Schwäche bis Debilität,
    • 13% verbanden beides mit der älteren Generation

Diese Beschreibungen münden zwar nicht immer in offensive oder gar aggressive Positionen. Gelegentlich wird aus der Schwäche auch ein besonderer Schutzbedarf abgeleitet. Der Punkt ist: „Ältere  Generation“ und negative Statements korrelieren stark, bis auf den Gandalf-Fall fand man keine positiven Sichtweisen! (Wie etwa Reife, Erfahrung, Judgement, Gelassenheit…)

Viele Gruppen riefen zudem zu durchaus unerfreulichen operativen Konsequenzen für die Senioren auf:

  • 37% wollen der älteren Generation weniger Raum im öffentlichen Leben einräumen.
    • Vorwurf No. 1: Behinderung bis Gefährdung im Straßenverkehr.
    • Vorwurf No. 2: Behinderung beim Einkaufen. In einer Gruppe wurde gefordert, bei Betreten des Geschäfts einen Alters-Check durchzuführen, wer zu alt  ist, sollte direkt der Euthanasie zugeführt werden.
  • In 26% der Beschreibungen wurde eine Schwäche der Älteren erkannt, der mit Unterstützung und einer vertretungsweisen Interessenwahrnehmung durch Jüngere begegnet werden müsse. Entmündigung läßt grüßen.
  • 10% sprachen sich für eine Verbringung der Senioren in Altersheimen aus, u.a. weil Ältere zu desorientiert seien und Schutz bräuchten.

Die Gruppengründer (in der Regel die Autoren der Gruppenbeschreibungen) waren im Mittel zwischen 20 und 29 Jahre alt, keiner war 60 Jahre oder älter. Knapp zwei Drittel der Gründer waren Männer.

Es konnte kein Zusammenhang zwischen dem Alter und der “Aggressivität” o.ä. hergestellt werden (z.B. “je jünger desto rigoroser”). Und auch das Geschlecht gab keine Indikation in diese Richtung (etwa: “Frauen schreiben seltener agggressive Gruppenbeschreibungen”). Es gab hingegen den Zusammenhang zwischen Altersgruppe des Gründers und der der Gruppenmitglieder (Jüngere in Gruppen eines jüngeren Gründers), das Gleiche wurde für das Geschlecht erkannt.

Zusammengefasst:

Zumindest in der Kommunikation in sozialen Netzwerken*) ist in den stereotypen negativen Aussagen eine doppelte Militanz der Jüngeren gegenüber Älteren erkennbar:

  1. Ältere hindern Jüngere am “Vorankommen” und müssen deshalb aus dem sozialen Leben entfernt werden
  2. Ältere können nicht mehr angemessen am Leben teilnehmen, darum müssen Jüngere auf Ältere achtgeben, sie vertreten, sie unter Kurantel stellen

Das hattte man tendeziell, aber nicht so klar ausgeprägt, auch erwartet.

Und: Facebook nivelliert anscheinend Alters- und Geschlechtsunterschiede, Männer wie Frauen, Junge wie etwas Ältere schreiben zu dem Thema in etwa gleich (das hatte man so nicht erwartet).

*) nur Facebook, nur englischsprachig, nur Juli 2011 bis Januar 2012

Die Autoren machen dann noch auf einen interessanten Umstand aufmerksam:

In den Standards der Facebook-Gemeinschaft heißt es im Abschnitt “Hassreden”:

“…erlauben wir es einzelnen Personen oder Gruppen nicht, andere aufgrund ihrer Rasse, Volkszugehörigkeit, nationalen Herkunft, Religion, sexuellen Orientierung, Behinderung, ihres Gesundheitszustands oder Geschlechts anzugreifen.”

Bedeutet: Hassreden mit Altersbezug werden nicht direkt von Facebook geschützt. Die Erkenntnis ist so einfach wie verblüffend, diesem Thema sollte noch einmal gesondert Aufmerksamkeit geschenkt werden – über soziale Netzwerke hinaus…

Zur Ehrenrettung von Facebook muss aber gesagt werden: In dem Artikel werden eine ganze Reihe von LInks direkt auf die zitierten Gruppen-Beschreibungen in Facebook widergegeben – viele von diesen (die besonders aggressiven) “funktionieren” im Frühjar 2013 nicht mehr. D.h. Facbeook hat sie entfernt. Das Unternehmen ist also (abweichend von den offiziellen Statuten) seiner Schutzpflicht auch gegenüber Älteren zumindest in diesen ausgewählten Fällen teilweise nachgekommen.

Diese Untersuchung englischsprachiger Texte in Facebook könnte und sollte auch für den deutschen Sprachraum durchgeführt werden. Sie wird mit Sicherheit weitere interessante Ergebnisse zu Tage fördern.

Wir von Das ReifeNetzwerk würden ein solches Projekt operativ-analytisch wie auch kommunikativ unterstützen.

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